Daniel 5
Gegen Ende der Lebenszeit Daniels fanden in Babylon grosse Veränderungen statt. 60 Jahre waren vergangen seit der Gefangennahme in Jerusalem. Nebukadnezar war gestorben, und Babylon war unter das Regime seiner unfähigen Nachfolger geraten. Das Ergebnis war die allmähliche, aber sichere Auflösung des Weltreiches.
Durch die Schwäche Belsazars, des Enkels von Nebukadnezar, sollte das stolze Babylon bald untergehen. Er, dem schon in jungen Jahren die Verantwortung und königliche Autorität übertragen worden war, sonnte sich in seiner Macht. Sein Herz erhob sich und wandte sich gegen den Gott des Himmels. Er hatte oft Gelegenheit gehabt, den göttlichen Willen zu erfahren und seine Verpflichtungen Gott gegenüber zu erkennen. Er wusste, was mit seinem Grossvater passiert war. Doch Belsazar liess es zu, dass Vergnügungssucht und Selbstverherrlichung die Lehren verwischten, die er nie hätte vergessen sollen. Er missachtete die ihm so freundlich gewährten Gelegenheiten und versäumte es, die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten zu nutzen, um die Wahrheit gründlicher kennenzulernen. An dem, was Nebukadnezar um den Preis unsäglicher Leiden und Demütigungen gewonnen hatte, ging Belsazar gleichgültig vorüber.
So liessen die Rückschläge nicht lange auf sich warten. Babylon wurde von Kyros, dem Neffen von Darius, dem Meder, belagert. Kyros war der kommandierende General des medo-persischen Heeres. Doch in der scheinbar uneinnehmbaren Festung mit ihren massiven Mauern und bronzenen Toren, vom Fluss Euphrat geschützt und reichlich mit Nahrungsmitteln versehen, fühlte sich der wollüstige Monarch sicher und verbrachte seine Zeit mit ausschweifenden Festgelagen.
Ein unsichtbarer Beobachter kündigt das Gericht an
Als die Ereignisse, von denen im 5. Kapitel des Buches Daniel berichtet wird, stattfanden, war Daniel etwa 80 und Belsazar etwa 36 Jahre alt.
Daniel 5, 1–4
Belsazars Fest und die Endzeit
Stolz und arrogant machte König Belsazar ein grosses Festgelage für seine Mächtigen. Alle Reize, über die das Reich verfügte, wurden genossen. Schöne Frauen waren unter den Gästen, gebildete Männer, Fürsten und Staatsmänner tranken Wein wie Wasser und verloren ihren Verstand. Die Vernunft war einer schamlosen Trunkenheit gewichen. Der König liess sogar befehlen, die besonderen Tempelgefässe aus Jerusalem zu holen und diese für seine Schwelgerei einsetzen zu lassen. Damit forderte er den Gott des Himmels heraus! Luther übersetzt: «Sie soffen daraus». Dieser «Geist der zügellosen Vergnügungssucht» steht in krassem Gegensatz zur Gesinnung, die Jesus in Luk. 9, 23 lehrte. In der Endzeit wird die ganze Welt den Geist von Belsazars Festmahl offenbaren. Jene Szene wird ein Bild finden, das sich in weltweitem Rahmen abspielen wird: Matt. 24, 37–39; Lukas 21, 34–36; Offb. 16, 7–10.
Daniel 5, 5–9
Gottes Finger an der Wand
Belsazar dachte nicht im Geringsten daran, dass es einen himmlischen Zeugen seiner abgöttischen Schwelgerei gab, und dass ein göttlicher Beobachter unerkannt auf diese Szene der Entweihung herabblickte, den frevelhaften Jubel hörte und den Götzenkult sah. Bald jedoch machte der ungebetene Gast seine Anwesenheit spürbar. Verstummt war der lärmende Festtrubel, während Männer und Frauen in namenlosem Entsetzen auf die Hand starrten, die langsam geheimnisvolle Schriftzeichen an die Palastwand schrieb.
«Im gleichen Augenblick gingen hervor Finger wie von einer Menschenhand, die schrieben gegenüber dem Leuchter auf die getünchte Wand in dem königlichen Saal. Und der König erblickte die Hand, die da schrieb.» (Daniel 5, 5)