2 Erklärung
Das erste Siegel: das weisse Pferd
Weiss ist in der Offenbarung die Farbe der Reinheit und des Sieges. Die Heiligen tragen „feine, glänzend reine Leinwand“, und am Ende reitet Jesus selbst auf einem weissen Pferd (Offb 19,11). Die Krone heisst im Griechischen «Stephanos». Das ist der Siegeskranz, den die Sieger bei Wettkämpfen bekamen. Der Reiter hat einen Bogen, aber von Pfeilen ist keine Rede. Das Evangelium siegt ohne Gewalt.
Viele verstehen das weisse Pferd als die erste Zeit der Gemeinde, etwa von 31 bis 100 nach Christus, die Zeit der Apostel. Das Evangelium war rein und voller Kraft. In wenigen Jahrzehnten erreichte es die ganze damalige Welt, von Jerusalem bis Rom. Paulus konnte schreiben, dass es „in der ganzen Schöpfung unter dem Himmel gepredigt wird“. Das passt zum ersten Brief, an .
Das zweite Siegel: das feuerrote Pferd
Rot ist die Farbe des Blutes. Der Friede ist weg, und Menschen töten einander. Jesus hatte seine Jünger gewarnt: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Er meinte damit nicht, dass seine Jünger kämpfen sollen, sondern dass sie um seinetwillen Feindschaft erleben würden. Der Reiter auf dem weissen Pferd trägt kein Schwert. Seine Waffe ist das Wort aus seinem Mund (Offb 1,16). Das grosse Schwert des roten Reiters ist das Gegenbild dazu: Lüge und Gewalt, die den Frieden wegnehmen.
Viele verstehen das rote Pferd als die Zeit der grossen Verfolgungen durch das Römische Reich, etwa von 100 bis 313. Unter den Kaisern Decius (ab 250) und Diokletian (ab 303) wurden Christen gefoltert und hingerichtet, weil sie den Göttern und dem Kaiser nicht opfern wollten. In Rom kamen sie bei den Gräbern in den zusammen. Das passt zum zweiten Brief, an Smyrna: „Sei getreu bis in den Tod“.
Das dritte Siegel: das schwarze Pferd
„Und ich sah, und siehe, ein schwarzes Pferd, und der darauf saß, hatte eine Waage in seiner Hand.“
Schwarz ist die Farbe der Finsternis. Der Reiter hält eine : Alles wird abgewogen, weil es knapp ist. Dann ruft eine Stimme: „Ein Maß Weizen für einen Denar, und drei Maß Gerste für einen Denar“. Ein war der Lohn für einen ganzen Arbeitstag (Mt 20,2), und ein Mass Weizen reichte etwa für einen Menschen und einen Tag. Wer einen ganzen Tag arbeitet und dafür gerade sein Brot bekommt, lebt in einer Hungersnot. Sonst ist die Waage in der Bibel ein Bild der Gerechtigkeit. Hier aber wird abgewogen und verkauft, was Gott umsonst schenken will. Später konnte man in der Kirche sogar Ablass für Sünden mit Geld kaufen.
Viele verstehen diesen Hunger geistlich, so wie ihn Amos ankündigte: „nicht einen Hunger nach Brot, noch einen Durst nach Wasser, sondern darnach, das Wort des HERRN zu hören“. Unter wurde das Christentum ab 313 erlaubt und bald zur Religion des Staates. Viele kamen in die Kirche, ohne ihr Leben zu ändern. Heidnische Bräuche und menschliche Überlieferungen traten neben die Bibel. Das passt zur Zeit von etwa 313 bis 538 und zum Brief an Pergamon.
Und doch heisst es: „das Öl und den Wein schädige nicht!“ Öl ist in der Bibel oft ein Bild für den Heiligen Geist (Sach 4,1–6). Auch in dunklen Zeiten bewahrt Gott, was zum Leben nötig ist. Ganz verloren ging die Wahrheit nie.
Das vierte Siegel: das fahle Pferd
Das griechische Wort für «fahl» heisst «chloros». Es bezeichnet ein blasses Gelbgrün, die Farbe eines Toten. Zum ersten Mal hat ein Reiter einen Namen: der Tod. Ihm wird Macht gegeben, zu töten „mit dem Schwert und mit Hunger und mit Pest und durch die wilden Tiere der Erde“. Das sind genau die vier schweren Gerichte, die schon Hesekiel nennt (Hes 14,21).
Viele verstehen das fahle Pferd als die dunkelste Zeit, etwa von 538 bis zur Reformation. Wer der Kirche nicht gehorchte, wurde verfolgt, durch Kreuzzüge gegen sogenannte Ketzer und durch die Inquisition. Die Bibel war für das Volk kaum zugänglich. Dazu kamen Kriege und Seuchen: Die Pest von 1347 bis 1351 tötete in Europa ein Drittel bis die Hälfte aller Menschen. Doch auch in dieser Zeit hielten Menschen wie die Waldenser in den an der Bibel fest. Das passt zum Brief an Thyatira.
Die vier Pferde im Vergleich
Weisses Pferd: Reinheit und Sieg. Die Zeit der Apostel, etwa 31 bis 100. Wie der Brief an Ephesus.
Feuerrotes Pferd: Blut und Verfolgung. Die Zeit der römischen Christenverfolgungen, etwa 100 bis 313. Wie der Brief an Smyrna.
Schwarzes Pferd: Finsternis und Hunger nach Gottes Wort. Die Zeit nach Konstantin, etwa 313 bis 538. Wie der Brief an Pergamon.
Fahles Pferd: der Tod. Die dunkle Zeit des Mittelalters, etwa 538 bis zur Reformation. Wie der Brief an Thyatira.
Die Farben werden immer dunkler, von Weiss über Rot und Schwarz bis zur Farbe des Todes. So zeigen die Siegel, was geschieht, wenn sich die Gemeinde Schritt für Schritt vom reinen Evangelium entfernt. Der russische Maler hat die vier Reiter nebeneinander gemalt. Auf seinem Bild kann man die Farben gut vergleichen.
Die Reiter reiten weiter
Ein Siegel, das einmal gebrochen ist, bleibt offen. Darum zeigen die vier Reiter nicht nur vergangene Jahrhunderte. Sie haben nicht aufgehört zu reiten. Jesus selbst hat angekündigt, was die ganze Geschichte bis zum Ende begleiten wird: „Ihr werdet aber von Kriegen und Kriegsgerüchten hören; sehet zu, erschrecket nicht; denn es muß so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende.“ „Denn ein Volk wird sich wider das andere erheben und ein Königreich wider das andere; und es werden hin und wieder Hungersnöte, Pest und Erdbeben sein.“
Krieg, Teuerung, Hunger und Seuchen prägen auch unsere Zeit. Das rote, das schwarze und das fahle Pferd sind noch unterwegs. Viele Ausleger sehen in den Reitern darum vor allem diese Nöte, die immer wiederkehren, bis Jesus kommt.
Doch auch der erste Reiter hat nicht aufgehört zu reiten. Er wechselt nie die Farbe, denn die Wahrheit ändert sich nicht. Viele sehen in ihm Jesus selbst, der mit seinem Evangelium „als Sieger und um zu siegen“ durch die Welt zieht. Er reitet, solange es Menschen gibt, die ihn noch nicht kennen. Jesus hat versprochen: „Und dieses Evangelium vom Reich wird in der ganzen Welt gepredigt werden, zum Zeugnis allen Völkern, und dann wird das Ende kommen.“
Mitten in Krieg, Hunger und Tod siegt also noch immer das Evangelium, Herz um Herz. Und am Ende kommt derselbe Reiter auf dem weissen Pferd zurück, „der Treue und Wahrhaftige“. Dann haben die anderen Reiter für immer ausgeritten.
Manche Ausleger erwarten die Reiter erst in der Zukunft, kurz vor dem Ende. Sicher ist bei allen Auslegungen: Das Lamm öffnet die Siegel. Nichts geschieht, ohne dass Jesus es in der Hand hat.
Für dich
Krieg, Hunger und Tod reiten noch immer durch die Welt. Aber auch Jesus reitet noch und gewinnt Herzen. Darf er auch in deinem Leben siegen?